Der Kapitalismus – Ein ungebändigter Seelenfresser

Wenn ich vom Westen einen Schritt Richtung Osten gehe, also die Schwelle von den westlichen Staaten, die die Zeit hatten ihren Kapitalismus in 60 Jahren aufzubauen, zu den alten SU-Staaten übertrete, die das erst seit etwa 1990 tun können, ist das erste was mir auffällt: Sie versuchen aufzuholen. Das, was der Westen an überflüssigen Prunkbauten, Einkaufszentren, Beton und Einfalt errichtet hat, schien der Osten nach dem Fall der Mauer ebenfalls für die bessere Alternative zum Sozialismus gehalten zu haben. Da muss schnell aufgeholt werden! Die Auswirkungen davon sind verheerend, die Menge an seelenlosen Gesichtern, an finster dreinblickenden Mienen und an gehetzten Menschen scheint mir noch mal um mindestens das doppelte gestiegen zu sein.

Bei Städten mit 500.000 Einwohner*innen+ kann man vor lauter Kränen in den Städten kaum etwas sehen, ein 12-Stunden Arbeitstag und eine 6 Tage Woche für Menschen, die, wenn mensch sie so nennen will, der sogenannten Arbeiterklasse beziehungsweise dem Prekariat angehören, ist völlig normal und wer einen Stundenlohn von 12 Zloty pro Stunde als ausgebildete Fachkraft bekommt, kann sich schon glücklich schätzen. Die meisten Geschäfte haben von morgens bis tief in die Nacht geöffnet, Straßenbauarbeiter*innen sind bis Mitternacht in der Innenstadt beschäftigt. Im gleichen Atemzuge wird eine Wohnungspolitik gefahren, die seines Gleichen sucht. Um Wohnungen luxussanieren zu können, werden schon mal mafiöse Strukturen angeheuert, um die lästigen Vormieter*innen aus der Wohnung zu ekeln. Menschen, die in so eine Lage geraten, haben es schwer, überhaupt noch eine neue Wohnung zu finden. Kommunalwohnungen werden ebenfalls verteuert, um die verschuldeten Banken retten zu können. Schauen wir in Supermärkte, entdecken wir, dass die Preise für Dinge des täglichen Bedarfs sich kaum mehr von denen in westlicheren Supermärkten unterscheiden und das bei etwa 1/3 des Durchschnittslohns. Das Privateigentum scheint im Osten auf einmal geheiligter als irgendwo sonst – dort wo früher der Sozialismus regierte. An nahezu jedem Haus, ob es nun leersteht, total eingefallen ist oder bewohnt ist, werden wir darauf aufmerksam gemacht, dass das jeweilige Objekt durch eine der fadenscheinigen Sicherheitsdienste bewacht wird. Das Sicherheitsgewerbe scheint in polnischsprachigen Gefilden überhaupt der größte Arbeitgeber zu sein: Alles und jede*r wird von einem Security bewacht, du triffst sie überall. Klar, die neuen Errungenschaften des Privateigentums müssen in Trockene gebracht werden und die recht hohe Anzahl an Menschen, die sich einen Einkauf in den recht teuren Supermärkten so wie die neu geschaffene Mittelschicht nicht leisten können oder Menschen, die auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf Unterschlupf in den trotzdem zahlreich existierenden, leerstehenden Häusern suchen wollen, sollen abgeschreckt werden. Es bäumt sich jedoch Widerstand durch immer radikaler werdende Mieterschutzvereinigungen, in der sich selbst die anarchistische Bewegung endlich eine Stimme erkämpft hat…

Selbstverständlich gilt es zum Sozialismus, ein System, dessen versagen wie in allen anderen Systemen im Namen inbegriffen ist, Alternativen zu finden. Dass diese Alternative jedoch offensichtlich nicht der Kapitalismus ist, steht den Menschen ins Gesicht geschrieben. Die wenigen Momente des Glücks, die der Kapitalismus beschert, sind von kurzer Dauer und Hängen von unseren Konsummöglichkeiten ab – diese kurzen Momente des Glücks, die wir im Kaufrausch am Sonntag erleben, ersetzen ein glückliches Leben nicht. Die Frage ist nur, wie in vielen anderen Regionen der Erde auch, wann die Erkenntnis dazu kommt, der Umschwung, die Revolte und schlussendlich: Die neue Selbstorganisation der Menschen.

Kapitalismus, du bist ein Verbrechen! Und zwar an Mensch und Umwelt.

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ROD – Besetzte Kleingärten in Warschau

Folgendes Interview führte ich mit einem Aktivisten in Warschau, der Teil einer Gruppe von Besetzer*innen einer besetzten Kleingartenanlage ist. Darin bekommen wir einen Einblick in die Anfänge eines Projektes, welches erst im Frühjahr dieses Jahres gestartet worden ist und welches trotz dessen schon eine eindrucksvolle Entwicklung hinter sich hat. Das Squat, welches auf einer Initiative des Reclaim the Fields Netzwerkes basiert, führte vergangene Woche sogenannte Action Days durch. Dabei soll das Gelände in einer offenen Bau- und Politikwoche mit abschließender
Konzertveranstaltung weiter ausgebaut werden und die Nachbarschaft sensibiliert werden. Doch lest selbst:

A.A.: Hallo Angel. Wir sitzen hier in einem besetzten Garten in Warschau namens ROD. Danke, dass du dich dafür bereit erklärt hast, dem A-Radio Berlin ein Interview zu geben. Kannst du und vielleicht erst einmal ein bisschen was über die Ursprünge des Projekts erzählen?

A.:Ja klar. Wir haben uns im März diesen Jahres (2015) das erste Mal getroffen, im Rahmen von einem „Reclaim the fields“-Meeting hier in Warschau. Der Plan war zu gucken, ob es hier die Möglichkeit gibt etwas zu besetzen, ein Projekt zu starten. Und dann sind wir losgezogen und haben uns ein paar ausgewählte Destinationen angeguckt, und sind hier gelandet. Das ist eine verlassene Kleingartensiedlung bzw. ein Teil einer relativ großen Kleingartensiedlung. Relativ zentrumsnah, Viertelstunde oder sowas mit dem Rad, das ist super. So hat es angefangen. Wir haben uns dann dazu entschieden hier zu starten. Im April sind dann die ersten Leute hierher gezogen. Im Mai waren wir dann zu fünft. Es wächst kontinuierlich.

A.A.: Wie würdest du das Umfeld der Leute beschreiben, aus denen das Projekt entstanden ist?

A.: Das Projekt wirklich gestartet haben Oskar und Bascha, die beide in Syrena gewohnt hatten zu der Zeit. Syrena ist ein besetztes Haus in der Innenstadt. Die haben das ganze initiiert. Lukasz war auch von Anfang an dabei. Die anarchistische Szene Warschaus.

A.A.: Kannst du uns ein paar Etappen des Projekts nennen, die es ermöglicht haben das zu sein, was es jetzt ist?

A.: Am Anfang sah alles sehr heruntergekommen aus. Man muss dazu sagen, dass dieser Teil des Gartens hier gekauft wurde von einem Investor. Und zwar wurde er der Stadt abgekauft. Die Leute, die hier ihre Gärten hatten, hatten Pachtverträge. Relativ lange Pachtverträge, vielleicht sogar auf Lebenszeit. Die wurden sozusagen enteignet. Also ihre Gärten wurden enteignet. Die Leute wurden verjagt, mehr oder weniger direkt. Die Resistentesten von ihnen, die sich am längsten dagegen gewehrt haben zu gehen, deren Häuser wurden teilweise abgefackelt. Das war schon ein krasses Bild, so verbranntes Spielzeug und so zu sehen in halbverbrannten Häusern und ähnliches. Und das erste was wir zu tun hatten, war einfach aufzuräumen, dass man da überhaupt mal klarkommt. Denn fast alle Häuser wurden eben in den letzten sieben Jahren von den eigentlichen Besitzer*innen kaum noch genutzt. Sind verwahrlost, Leute haben darin temporär über den Winter gehaust und es wurde viel aufgebrochen, viel geklaut, viel kaputt gemacht. Das war das Erste, was hier zu tun war, das alles mal wieder aufzuräumen.

Dann haben wir uns die Küche als Gemeinschaftsraum eingerichtet. Jede*r hat sich ein Haus geschnappt, das er_sie sich selbst freigeräumt hat und irgendwie so hergerichtet hat, dass er_sie darin leben kann. Und seither sind wir weiter am Wachsen. Also ein paar Leute sind dazu gekommen. Wir haben mittlerweile 2, 3, 4 Gästehäuser, in denen immer mal wieder Besucher*innen bleiben können. Egal wie lang. Das ist alles sehr offen hier. Mittlerweile haben wir die Zeit uns gemeinschaftlichen Dingen zu widmen. Wir haben ein Haus gebaut. Wir haben ein Tipi gebaut als Gemeinschaftsraum und so Social Spaces geschaffen.

A.A.: So wie du das beschreibst, gibt es also einen festen Kern an Menschen, die das Projekt hier am Laufen halten. Aber es scheint ja auch immer mal wieder Leute zu geben, die hierher kommen und kurz am Projekt partizipieren und dann wieder verschwinden. Aus wie vielen Leuten besteht der feste Kern des Projekts? Was würdest du sagen?

A.: Genau. Gegründet haben wir das zu fünft. Mittlerweile bin ich nur noch temporär hier. Drei weitere sind dazu gekommen, die wirklich auch langfristig hier mitwirken werden. Und dann gibt es noch eine weitere Person, die auch nur temporär hier ist. Allerdings auch ein halbes Jahr mittlerweile schon. Und jetzt auch noch ein paar Monate. Ansonsten sind immer wieder Leute aus dem Syrena- oder Przychodnia-Umfeld aus der Stadt, die einfach mal tageweise vorbeikommen oder auch wochenweise rauskommen. Raus ins Grüne quasi mitten in der Stadt.

A.A.: Ihr veranstaltet hier gerade sogenannte „Action days“, d. h. ihr ladet Leute offen dazu ein hierher zu kommen und mitzuhelfen das Projekt voran zu treiben. Habt ihr euch ein bestimmtes Ziel für diese Action Days gesetzt? Und über welchen Zeitraum verlaufen diese Action Days?

A.: Also die sind jetzt fast zu Ende. Wir haben jetzt zwei Wochen lang versucht die Akzeptanz für dieses Projekt in unserem direkten Umfeld, in unserer Nachbarschaft zu erhöhen, indem wir einen Platz, der vor unseren Gärten liegt, der allerdings auch verwahrlost und als Müllhalde benutzt wurde, hergerichtet haben. Wir haben das Gras weggesenst. Wir haben Tische, Stühle, Sitzgelegenheiten … einen Raum für soziales Leben zu schaffen. Daneben haben die Anwohner*innen erzählt, dass sie vor einiger Zeit ihren Platz, den sie in ihrem Wohnviertel hatten, verloren. Der wurde einfach weggemacht und nicht kompensiert. Wir versuchen den Leuten hier in der Gegend zu vermitteln, was wir hier vorhaben. Nämlich langfristig ein Social Space für die Nachbarschaft zu sein, bei dem jede*r partizipieren kann, ganz frei teilnehmen, das wollen wir vermitteln. Wir haben ein kleines Häuschen gebaut aus all dem Müll, den wir hier aufgesammelt haben und schön mit Erde verkleidet und ein paar Fließen, die auch da im Wald vor unserer Haustür rumliegen, der auch ziemlich zugemüllt ist, was den Leuten hier überhaupt nicht gefällt, und uns natürlich auch nicht. Wir haben einfach versucht zu zeigen, dass wir da ein bisschen was machen wollen und uns dagegen stemmen, die komplette Kleingartensiedlungen hier einem Investor zu überlassen, der dann daraus einen Parkplatz machen will.

A.A.: Das ist euch auch wunderbar gelungen, wie man sehen kann. Ihr habt ja einiges geschafft und errichtet. Zum Ende der Action Days erwartet die Gäste und die Leute, die das Projekt kennenlernen wollen, morgen eine Konzertveranstaltung. Das ist die erste Veranstaltung auf dem Gelände, ist das richtig?

A.: Im Grunde ja. Das wird das erste öffentliche Konzert in solch großem Rahmen. Es werden 5 Punk-Bands kommen.

A.A.: Wir hoffen, dass der Platz danach noch steht.

A.: Jaja, die Befürchtungen sind da, dass es mitunter ausartet, ja.

A.A.: Angel, danke für das Interview. Gibt es noch irgendwas, das du noch hinzufügen möchtest?

A.: Na klar. Unser Name und wie wir zu finden sind. Wir sind ganz klar offen für jede*n, der vorbei kommen will, kann auch gern länger bleiben. Also wir heißen ROD, das ist die frühere Abkürzung für bürgerliche Stadtgärten. Wir benutzen die gleiche Abkürzung. Das heißt sowas wie Schrebergärten. Wir haben die Abkürzung behalten. Allerdings nennen wir uns nicht mehr bürgerliche Stadtgärten, sondern radikale Stadtgärten. Wir sind eigentlich relativ gut zu finden, wenn man nach Warschau kommt. In den besetzen Häusern Syrena oder Przychodnia gibt es eine Wegbeschreibung, wie man zu uns kommt. Oder online über das „Reclaim the fields“-Network kommt man auch an Kontaktdaten zu uns. Also kommt rum.

A.A.: Super. Dann hoffen wir auf eine klasse erste Veranstaltung auf dem Gelände morgen und sagen ‚Tschüss‘.

A.: Danke. Machs gut.

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weitere Infos zum Projekt unter: Reclaim the Fields Polen

Das Interview demnächst auch im Audio-Format in deutscher und englischer Sprache hörbar unter: A-Radio Berlin