Anarchismus als Bewusstseinsprozess

Wenn wir Anarchismus als den Weg verstehen, den wir beschreiten, wenn wir uns aufmachen zur Befreiung eines jeden Individuums und damit einhergehend unserer Selbst von sämtlichen Konventionen und auferlegten Zwängen, dann können wir den Anarchismus zugleich als einen lebenslangen Bewusstseinsprozess begreifen.

Umso bewusster wir uns werden, in welchem Maße uns unsere Sozialisation auch in negativer Art und Weise beeinflusst hat, desto größer ist die Möglichkeit, dass wir an negativen Verhaltensweisen arbeiten können. Als negative Verhaltensweisen bezeichne ich Verhalten, welches einhergeht mit der Ausübung von Herrschaft eines Individuums über ein anderes. Wenn uns in 12 Jahren Schule verklickert wird, dass aus uns nur etwas werden könne, wenn wir das Abitur und das möglichst gut schaffen, bedeutet das in erster Linie, dass wir lernen, mit möglichst viel Stress und Druck umzugehen, um später einmal so systemdienlich wie möglich leben zu können. Wenn uns in unserer Kindheit verklickert wird, dass wir nichts von Fremden annehmen sollen, bedeutet das in erster Linie, zu lernen, sich so misstrauisch wie möglich durchs Leben zu bewegen, um später im kapitalistischen Konkurrenzkampf, dann mittlerweile auf dem Viehmarkt angekommen, sich so gut wie möglich nach oben zu mogeln. Wenn euch eure Eltern mit Hausarrest gedroht haben, solltet ihr noch um die Häuser ziehen, nachdem die Lichter der Laternen bereits erleuchtet sind, dann nur, um euch zu lehren, dass Ungehorsam unter Strafe gestellt wird. All diese Beispiele und noch tausend weitere individuelle Situationen lehren uns in irgendeiner Weise, uns anderen Menschen über- bzw. unterzuordnen und sollen für eine systemkonforme Entwicklung möglichst gleich funktionierender Automaten sorgen. Sie sind auch der Grund für die Existenz sämtlicher -ismen, die auf Unterdrückungsmechanismen hinauslaufen. Die gängigsten Oberbegriffe dafür sind Rassismus, Nationalismus, Sexismus, Sozialchauvinismus und Ableismus aber auch -ismen, die ganze Systeme und/oder deren Funktionsweise beschreiben; wie den Kapitalismus, den Kommunismus, den Sozialismus oder auch den (Neo)liberalismus. Gleichberechtigt, gemeinschaftlich, empathisch und gleichzeitig maximal selbstbewusst sowie -bestimmt werden wir in Umgebungen, in denen durch solcherlei -ismen erzeugte Autoritäten existieren, nicht leben können. Wir können nur in einer vollständig freien Umgebung selbst maximal frei leben.

Bewusstseinsprozesse werden in erster Linie dadurch angestoßen, dass wir unser eigenes Verhalten nicht als selbstverständlich betrachten. Im Gegenteil – wir sollten es für veränder- und entwickelbar halten. Veränderbar in der Hinsicht, dass wir schädliche Verhaltensweisen für uns selbst und andere ablegen können; entwickelbar in der Hinsicht, dass wir in der Lage dazu sind, uns weiterbringende Fähigkeiten auch im gewaltlosen und herrschaftsfreien Umgang miteinander anzueignen. Wir sind in der Lage, uns diverse Erinnerungen auch an längst Vergangenes mithilfe unseres Gedächtnisses hervorzuholen und diese zu reflektieren. Erinnerungen an die Tracht Prügel des Vaters, an das Mobbing im Unterricht, an die Besäufnisse an der Bushaltestelle, an die sinnlosen Abende vor dem TV, an den Zwang durch die Gruppe und an die Strenge des Mathematiklehrers. Dabei sollte man keinesfalls auch vor den Erfahrungen in der eigenen Familie haltmachen und sich vor Augen halten, dass ein Hauptteil unserer Sozialisation auf diese zurückzuführen ist – Familie hat keinen Sonderstatus, das wäre ungerecht anderen Individuen gegenüber. Leider lässt uns das jahrelang perfekt inszenierte Gefühl der Liebe in Bezug der Eltern auf uns als Kinder oft nicht freiwillig los. Es handelt sich um eine Art der Liebe, die in vielen Fällen einhergeht mit allerlei Kompromissen (artig sein, nicht rauchen, nicht „stehlen“, nicht zappeln, leise sein) und gleichzeitig scheinbar normweisend in Bezug auf den Begriff Liebe und dessen Auslebung ist. Es handelt sich also bei der Eltern-Kind-Liebe auch heute noch häufig um eine unfreie, meist mit Konventionen belegte Liebe, die auch ungewollt und somit unbewusst ein Potentat für die Ausbildung jeglicher autoritärer Verhaltensweisen sein kann. Geschichte muss in jedem Fall Erinnern & Reflektieren bleiben, auch in Bezug auf die eigene Persönlichkeit und die Entwicklung in den eigenen familiären Strukturen. Schließlich sind wir auch ein Teil des großen, falschen Ganzen.

Wir können uns eine Welt frei von -ismen, die eine Beziehung einer oder mehrerer Individuen über oder unter andere beschreiben, vorstellen. Wir haben die Möglichkeit zu träumen und zu phantasieren. Wir können in unserem eigenen Umfeld Bewusstsein schaffen und uns somit ein herrschaftsfreies Umfeld aufbauen. Wir können auf Menschen zugehen und sensibilisieren, und wenn wir nicht zu schnell aufgeben, werden wir Anerkennung bekommen; Anerkennung in Form der Erkenntnis, einen Prozess angestoßen zu haben. Wir können mit direkter Aktion und Sabotage schon lange Ohnmächtige wachrütteln – und wieder werden wir Glück empfinden. Wir haben sogar die Möglichkeit, bewusstseinserweiternde Drogen wie LSD oder MDMA – selbstverständlich verantwortungsvoll – zu konsumieren und können somit bei richtiger Anwendung in eine Welt eintauchen, die frei von gesellschaftlichen Konventionen und auferlegten Zwängen lebt und in der wir wieder Teil der Natur werden.

Doch so lange wir die schöne Welt noch nicht haben – lebt motiviert und voller Freude auf das Zukünftige den Prozess und lasst ihn eure Umwelt spüren.

Dieser Text ist auch zu finden in der Gaidaoausgabe Nr. 58 / 11.2015

Bewusstsein