Eine befreite Gesellschaft und Gewalt oder: Warum Knäste unnötig sind!

Wie oft begegnen Anarchist*innen folgendem Satz „Das klingt ja alles schön und gut, aber wie denkst du, sollte in einer herrschaftsfreien Gesellschaft der Umgang mit Gewaltverbrechern und Straftätern aussehen?“ Darauf werde ich im folgenden Text versuchen, einige Antworten zu finden.

Doch vorher noch ein paar Worte: Der Anarchismus propagiert keine Lösungen zu sämtlichen sozialen Frage- und Problemstellungen, sondern er versucht, verschiedene Lösungsansätze auf dem Weg zu einer herrschaftsfreien Gesellschaft aufzuzeigen. Wie wir zu dieser Gesellschaft gelangen, ist den Akteur*innen, die sich einhergehend mit der Befreiuung ihres eigenen Individuums auf diesen Weg begeben, selbst überlassen. Eine herrschaftsfreie Gesellschaft, die totale Anarchie, stellt ein Ideal dar, welches bereits in seinem Begriff die Existenz von Gewaltverbrechen ausschließt und davon ausgeht, dass sich sämtliche Individuen von ihren Herrscher*innen emanzipiert haben.

Was Anarchist*innen, sofern sie sich als solche verstehen, jedoch einstimmig beantworten können, ist die Frage, ob es irgendeine Legitimation für Knäste gibt: Nein! Weder im herrschenden System und noch weniger in einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Knäste und sonstige Strafanstalten im Heute sowie in der Vergangenheit erfüllten vor allem folgende Zwecke: Den Schutz der bestehenden Ordnung, folglich den Schutz von Staat und Kapital. Die notwendige Legitimation dafür erschleichen sich die Mächtigen aus Wirtschaft und Politik beispielsweise über die polizeiliche oder gerichtliche Durchsetzung des sogenannten Privatrechts, gemeint ist damit das Recht, welches die Beziehungen zwischen Menschen untereinander definiert. Das heißt, der Staat tritt an dieser Stelle als vermeintlicher Konfliktlöser auf. Das führt nicht nur dazu, dass Menschen das Gefühl vermittelt bekommen, in einer Abhängigkeit zum Staat zu stehen, welcher an dieser Stelle die vermeintliche helfende Hand darstellt, sondern es führt auch dazu, dass Menschen schlicht nicht lernen, Konflikte gewaltfrei miteinander zu lösen. Diese staatliche Aufgabe als Vermittlungsinstanz in Streitigkeiten jedoch täuscht nur über den eigentlichen Sinn dieser Institution hinweg: Der Schutz von staatlichem und kapitalistischem Eigentum. Bei fast 60 % aller aufgenommen Straftaten im Jahre 2014 handelte es sich um Vermögens- oder Eigentumsdelikte, ganz zu schweigen von den restlichen 25 % als Straftaten bezeichneter Handlungen, worunter beispielsweise Verstöße gegen das Aufenthalts- und Asylrecht oder Cannabisdelikte fallen, welche aus der Ungerechtigkeit des Systems heraus resultieren. So sieht es der Staat als seine vornehme Aufgabe an, gegen Ladendiebstähle, Schwarzfahren, Ticketfälschung und illegale Downloads als Widerstandsakte gegen eine ungerechte Ökonomie, aber auch gegen das Aufbegehren gegen die herrschende Ordnung mit jeglichen phantasievoll zusammen gesponnen Kriminalisierungen vorzugehen. Knäste dienen dem Staate dazu, seine Schäfchen wieder auf den rechten Weg zu bringen und handzahm zu machen und sie statuieren lediglich Exempel für die Menschen, welche sich vielleicht gerade auf der Schwelle befinden, um gegen den kapitalistischen Normalzustand in Form wirtschaftsschädigender, direkter Aktionen zu rebellieren.

Das Privateigentum und der selbstsüchtige Wettbewerb zwischen den Individuen im Kapitalismus um dessen Vermehrung bis ins Unermessliche macht, wie so viele erst an ihrem Lebensabend feststellen, zwar nicht glücklich, aber es stellt immer noch einen Grundpfeiler im kapitalistischen System dar. Die Zurschaustellung von Reichtum in Form von Unmengen angehäufter materieller Güter spielt heute bis in die untersten Gesellschaftsschichten eine bedeutende Rolle. Wo vor über 100 Jahren noch ein lebendiger Kampf von Arbeiter*innen um den Gemeinbesitz an Produktionsmitteln in vielen Erdenteilen herrschte, herrscht heute in vielen Teilen Ohnmacht und der Blick nach oben bis ans Lebensende vor. Anarchist*innen schließen keinen Frieden mit einem staatlich geschützten Eigentum, welches für den Profit weniger produziert wurde und zur Ausstattung der konkurrierenden Massen im Kampf um Ansehen und materiellen Wohlstand dient. Eine herrschaftsfreie Gesellschaft kann weder im Konkurrenzkampf der Individuen noch in kapitalistischer Ausbeutung bestehen. Sie basiert vielmehr auf einer Verschmelzung der einzelnen Individuen und deren naturgegebenen Fähigkeiten und Interessen mit der Gemeinschaft. Eine herrschaftsfreie Gesellschaft presst uns nicht in Normen, in denen wir ein lebenlang verdammt sind zu existieren, sie schafft keine künstlichen Bedürfnisse in Form ständiger, minimaler Weiterentwicklungen ganz im Sinne der Profitmaximierung. Schlussendlich entfällt in einer herrschaftsfreien Gesellschaft die im Jetzt noch existierende (scheinbare) Notwendigkeit, sich aufgrund materieller Besitztümer profilieren zu müssen. Die Ausbeutung fremder Bedürfnisse mit der Herrschaft über Eigentümer wird somit der Vergangenheit angehören, ebenso vermeintliche Delikte, die mit dem Eigentum in Zusammenhang stehen. Ein Großteil der Gründe, die Knäste im heute scheinbar rechtfertigen, gehören somit ebenfalls der Vergangenheit an.

Es bleiben Gewaltverbrechen über. Das gegenwärtige System stellt ein Gewaltverbrechen an der Menschheit per se dar: an unzähligen ausgebeuteten Kindern, die in maroden Fabriken arbeiten müssen, an den Kindersoldaten, die Gesteinsminen überwachen, aber auch an den Angestellten, die in vollster Erniedrigung um jede Gehaltserhöhung betteln müssen. Nicht zuletzt begeht das System ein Verbrechen an Natur und Umwelt. Es kann also eigentlich nur noch besser werden. Aufrechterhalten wird das System durch überwiegend weiße Männer, wahlweise als Firmenboss, als Politiker im Nadelstreifenanzug oder als Offizier in Uniform. Diese Männer lehren uns das Patriarchat: Mit Dominanz, Durchsetzungsvermögen, Durchhaltekraft und einer gehörigen Portion Abgebrühtheit können wir es schaffen, uns gegen die Schwachen durchzusetzen um unseren eigenen Vorteil daraus zu ziehen. Diese höchst entmenschlichenden Eigenschaften sind nicht in unerheblichem Maße an der Aufrechterhaltung des Kapitalismus beteiligt. Eigenschaften, die historisch gesehen mit Männlichkeit verbunden waren und auch noch heute vorwiegend durch Menschen repräsentiert werden, die sich dem männlichen Geschlecht zuschreiben. Die Reproduktion des Patriarchats beginnt bereits in der bürgerlichen Kleinfamilie: Der Mann als sogenanntes starkes Geschlecht gilt als Beschützer der Familie, von Frau und Kind, und schiebt sich damit automatisch in eine autoritäre, dominierende Position. Frau und Kind werden so von vornherein entmachtet und als vermeintlich schwache Wesen kommt ihnen eine Position zu, die überwiegend wahlweise zu Sexualdelikten an Frauen oder Übergriffen an Kindern infolge von Machtmissbrauch führen kann. In einer Gesellschaft jedoch, in der Kinder als gemäß ihrem Entwicklungsstand eigenständig denkende und sich entfaltende Individuen anerkannt werden, in dem Frauen sich vollständig vom Joch männlicher Herrschaft emanzipiert haben, wäre solche Delikte schlicht nicht denkbar.

Schlussendlich bleibt zu sagen: Wir haben einen Scherbenhaufen vor uns liegen, und diesen gilt es, aufzuräumen. Es gibt keine vernünftigen Ausreden, an den bestehenden Verhältnissen festzuhalten, denn diese richten wesentlich mehr Schaden an als sie irgendwem zu Glück und Zufriedenheit verhelfen. Es ist an uns, die Grundsteine für eine herrschaftsfreie, gewaltlose Gesellschaft zu legen. Und sollten wir diese Gesellschaft noch zu Lebzeiten erreichen und das gewaltfreie Lösen von Konflikten jemandem mal nicht gelingen: Zeitweilige soziale Isolation halte ich für ein wesentlich probateres Mittel, Menschen zum Nachdenken anzuregen, als die Verrohung, die mit einem Aufenthalt in heutigen Gefängnissen einhergeht.