Staat und Nation: Eine Absage an die Menschlichkeit

Deutschland 2016. Ungebändigter Rassismus. “ Das Volk“ bekommt Oberwasser. 900 brennende Geflüchtetenunterkünfte allein in den letzten 12 Monaten. PEGIDA, POGIDA, BÄRGIDA. Der abscheuliche Volksmob tobt und Deutschland zeigt offen seine hässliche Fratze. Claußnitz, Schneeberg, Einsiedel. Übergriffe auf Migrant*innen sind an der Tagesordnung, Staat und Polizei schauen zu oder sind gar daran beteiligt. AFD, NPD, Der III. Weg, Die Rechte. Parteien am rechten Rand werden mithilfe der Politik von CDU und SPD wieder salonfähig. Wer sich nicht integriert, der*die fliegt. Integration? Inklusion? Sagen wir besser: Wie machen wir sie mit den Instrumenten Herrschaft und Unterdrückung zu geißeln unserer Wirtschaft? „Du“ als minderbemittelter Migrant hast dich „uns“ unterzuordnen. Wenn du in „unser“ Land willst, musst du „unsere“ Sprache lernen und dich an „unseren“ Werten orientieren und gefälligst irgendwann einmal „unserer“ Wirtschaft zum Erfolg verhelfen. Nein? Abschiebung, Schießbefehl. Deutsches Volk, Tätervolk.

Europa 2016. Deutschland voran. Um die Festung Europa und den Reichtum der selbsternannten privilegierten Weißen im Westen zu schützen, wird die Zusammenarbeit mit Diktatoren á la Erdogan nicht im Mindesten gescheut. Stacheldraht, Zäune, Wasserwerfer, Tränengas, Staatsgewalt. Alles für ein abgeschottetes Europa der Nationen. Balkan, Griechenland, Mazedonien. Über Menschen wird wie über Atommüll gesprochen, der nur ordentlich verteilt werden muss, damit er nirgends zu viel Schaden anrichtet. Innereuropäischer Flucht wird von vornherein ein Riegel vorgeschoben , so wie  es bereits mit einem Großteil Osteuropas gemacht wurde, deren letzte Staaten (Kosovo, Montonegro, Albanien) nun auch noch zu vermeintlich sicheren Herkunftsländern erklärt werden sollen. Dort geben sich jedoch Antiziganismus und soziale Verendelung die Klinke in die Hand. Aber schließlich entlaste das „unsere“ Behörden und ein gewisses Maß an West-Ost-Ausbeutung muss ja schließlich auch gegeben sein, um den Mindestlohn in Niedriglohnsektoren zu umgehen. Menschen in Not werden zu Spielbällen europäischer Politik. Entmenschlichend, kalt und aus einer reinen Verwertungslogik heraus agierend. Wer war eigentlich nochmal für die Wahrung des Humanismus zuständig?

Die Welt 2016. Sie steht vor dem Abgrund. Krieg und Terror wohin das Auge reicht. Europa, USA, Russland. Großmachtstreben auf dem Rücken von Menschen, die vor den Folgen verfehlter Machtpolitik fliehen. Afghanistan, Irak, Syrien. Zerstörte Landstriche, Städte, auf die Bomben hageln und tote Menschen auf offener Straße. IS, Assad, Dschihadisten – und die Türkei ist auch dabei. Deutsche Waffen, deutsches Geld und ein rechter Populist, der nach Mexiko am liebsten eine Grenzmauer bauen würde, als möglicher Präsidentschaftskandidat in den Vereinigten Staaten. If nothing turns right, turn…äh, wie war das nochmal? Tote Menschen im Mittelmeer und Grenzkontrollen mit bis unters Messer bewaffneten Soldaten stellen nur die Spitze eines Eisberges dar, dessen Unterbau eine Vorgeschichte hat, die mindestens bis ins Jahre 1791, dem Jahr in dem Frankreich als erster europäisch legitimierter Nationalstaat auf den Plan trat, reicht. Nun wollen sie sich endgültig einigeln in ihre aus Blut erbauten, goldenen Paläste. Widerstand zwecklos?

Staat und Nation haben endgültig versagt. Und nie steuerten wir mit diesen Konstrukten der sogenannten Moderne so offensichtlich in Richtung Abgrund. Deutschland. Nationalismus. Polen. Nationalismus. Rassismus. Ungarn. Nationalismus. Rassismus. Frankreich. Nationalismus. Rassismus. Großbritannien. Nationalismus. Rassismus. Europa: Grenzen dicht. Geflüchtete (Menschen!) werden nicht selten bespuckt, getreten, geschlagen, beschimpft und von allen hiesigen Staaten erniedrigt und zu Menschen zweiter Klasse degradiert. Es reicht. Wir brauchen nicht nach Alternativen suchen, wir müssen Sie jetzt ausprobieren. Bis „das Volk“ isoliert ist, der Staat stirbt und die weiße Vorherrschaft des Westens dem Gestern angehört. Für das Leben, die Anarchie und den Kommunismus.

Fürs erste würde es aber sicher auch reichen, sich mal am menschlichen Riemen zu reißen.

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Towards a transnational strike – Bericht zum Treffen für einen sozialen Streik in Europa

TransnationalStrike


 

Vom 02. – 04.10.2015 fand in Poznan das zweite Meeting zum Voranbringen der Debatte um die Neuorganisation der Arbeiterklasse hinsichtlich eines europaweiten, transnationalen Sozialstreiks statt. Die Ausbeutung osteuropäischer Arbeitskräfte und Beschäftigung unter Mindestlohn sind Probleme, die durch die von westeuropäischen Staaten, allen voran Deutschland, vorangetriebene Austeritätspolitik durch IWF, EZB, EU und ESM1, vor allem im Care-2, Logistik- und Bausektor verheerende Außnahme annimmt. Seit langem existiert ein neues, transnational zu betrachtendes Prekariat in Europa, welches es fernab mittlerweile gängiger und allenfalls bürokratischer Gewerkschaftsarbeit, wie wir es am Beispiel Deutschland sehen, zu Organisieren bedarf, um so ein effizientes Mittel im Kampf gegen Unrecht, Kapital und Lohnausbeutung zu stellen und letztendlich anarchosyndikalistischen Konzepten zu Arbeit und Betrieb den Weg zu ebnen. Mit Hinblick auf die ebenfalls wachsenden, weltweiten Migrationsbewegung wird das bestehende Prekariat in den nächsten Jahren einen enormen Zuwachs bekommen. Um dem zu begegnen, gilt es ebenso bereits jetzt Konzepte zu entwickeln, um dem entgegenzusteuern. Das Meeting geht auf eine Initiative einiger Blockupy-Teilnehmer*innen an Blockupy 2015 zurück, weshalb am 19.03.2015 das erste Social-Strike Meeting3 in Frankfurt/M. stattfand..

Am Treffen beteiligten sich mehr als 20 Initiativen aus 10 europäischen Ländern mit ca. 150 Vertreter*innen, aus dem deutschsprachigen Raum waren unter anderem die „Interventionistische Linke“ und „the future is unwritten“ als Vertreterin des Ums-Ganze Bündnisses anwesend. Wie schon beim Beyond Borders Camp in Griechenland4 war eine überproportionale Beteiligung deutscher Aktivist*innen am Treffen wahrnehmbar – was sich jedoch glücklicherweise nicht in einer einseitigen Workshoporganisation niederschlug. Ob das Treffen durch die anarchosyndikalistische “Workers Initiative“ Poznan stemmbar ist, sollte sich im Laufe des Wochenendes zeigen. Im Vorfeld des Wochenendes gab es eine Debatte darüber, ob ein Treffen für die Bewegung im osteuropäischen Raum zu diesem Zeitpunkt nicht zu früh sei. Poznan wurde als geeigneter Ort in Frage gestellt, was ich in Anbetracht des erheblichen Organisierungspotenzials der Arbeiterklasse vor Ort und der Erfahrung in Arbeitskämpfen nicht nachvollziehen kann. Schwang bei dieser Diskussion vielleicht etwas westeuropäischer Elitarismus mit?

Das Treffen wurde am Freitag Abend durch eine Vertreterin der „Workers Initiative“ Poznan eingeläutet. Sie stellte noch einmal die erhebliche Bedeutung heraus, die Osteuropa einschließlich Poznan als Ort der Vernetzung international geführter Arbeitskämpfe in Anbetracht eines gerade in diesen Breitengraden in großem Umfang existierenden Prekariats, welches sich der Ausbeutung westlicher Industrien gegenüber sieht, hat. Ein weiterer Aktivist aus dem südosteuropäischen Raum bemekerte auch, dass vor allem auch eine Vernetzung von Arbeiter*innen und Gruppen im geografischen Osten endlich stattfinden müsse, anstatt immer nur Allianzen Richtung Westen insbesondere Deutschland zu suchen. Nebenbei bemerkt ist dies auch ein Problem, was sich im internationalen Rahmen bemerkbar macht – in Ermangelung einer funktionierenden Vernetzung ist beispielsweise die Federacja Anarchistyczna5, die Anarchistische Föderation Polens, nicht arbeitsfähig und existiert allenfalls auf dem Papier. Im Anschluss an die Einführung sollte eine Diskussion am Runden Tisch durch Vertreter*innen von „No one is illegal Hanau“, „Precarious dis-connections Italy“, „BASOC – Bosnia“, „TIE-Global workers Network“ und „Blockupy Germany“ stattfnden. Die erwartete Diskussion fand nach der Vorstellung der jeweiligen Situation, in denen sich Arbeiterbewegungen sowie migrantische Arbeitskräfte in den verschiedenen Staaten befinden, leider nicht statt. Es wurde jedoch wieder einmal deutlich, dass Arbeiterbewegungen und Gewerkschaften in anderen Ländern ein wesentlich höheres Radikalisierungs- und Mobilisierungspotenzial aufweisen als in Deutschland. In Bosnien wurde Ende Juli dieses Jahres durch die Arbeiterföderation aller Gewerkschaften in Anbetracht der Verabschiedung des „New Labour Law“ (neues Arbeitsgesetz) zu solidarischen Massenprotesten6 mobilisiert, an denen mehrere 1000 Menschen teilnahmen. In Deutschland hingegen, in denen eine Gewerkschaftsmitgliedschaft neben restriktiver Gesetzgebung zum Streikrecht mehr einen formal-bürokratischen Fakt darstellt und sozusagen Teil des Sozialsystems ist, finden wir eine andauernde Entsolidarisierung unter den Arbeiter*innen vor. Für die Arbeiterbewegungen in Deutschland müsse die Überwindung dieses Entsolidarisierungsprozesses auch in Anbetracht eines latenten Rassismus in der Gesellschaft im Vordergrund stehen. Des Weiteren müssen Alternativen gefunden werden, die Arbeiterschaft in Deutschland jenseits der großen Gewerkschaften unter dem DGB miteinander zu vernetzen und zu organisieren. Es müsse ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass die herrschende Gesetzgebung, die es beispielsweise Arbeiter*innen außerhalb von Gewerkschaften nicht erlaubt zu streiken, Teil des Problems ist. Im Endeffekt müssen Kämpfe gegen die Austeritätspolitik der europäischen Quadriga mit dem Einfluss deutscher Politik an vorderster Stelle gemeinsam mit den Arbeiter*innen gekämpft werden, was, wie an Blockupy am 18. März 2015 in Frankfurt/M. zu sehen war, dieses Jahr erneut nicht geschafft wurde, obwohl es mehrere Mobilisierungsversuche unter den Arbeiter*innen im Bankenviertel vor Ort gegeben hat. Unter Anderem wurden beispielsweise Bauarbeiter*innen, Reinigungskräfte und Mitarbeiter*innen im Bankensektor in Frankfurt/M. direkt angesprochen sich an Blockupy zu beteiligen. Zu sehen davon wäre jedoch kaum jemand gewesen-

Das Highlight des ersten Abends jedoch stellte wahrscheinlich für die Meisten der Beitrag eines Vertreters von Amazon-Poznan dar. Dieser zeigte die kurze, jedoch eindrucksvolle Entwicklung der Amazon-Kommission Inicjatywa Pracownicza7, einer Gruppierung die unter der „Workers Initiative“-Poznan zusammengeschlossen ist, auf. Die Gewerkschaft der Amazon-Mitarbeiter*innen, die sich erst letztes Jahr kurz vor dem Weihnachtsgeschäft in dem letzten Sommer in Betrieb gegangenen Warenhaus gegründet hat, startete anfangs mit 12 Kolleg*innen. Durch sehr aktive Gewerkschaftsarbeit aller Mitglieder auch im Heute haben es die Leute geschafft, mit mittlerweile 300 Leuten um ihr Recht zu kämpfen. In den letzten 10 Monaten konnten bereits 2 Arbeitskämpfe für höhere Löhne, verbesserte Arbeitsbedingungen und Sozialleistungen erfolgreich gegen das Amazon-Management gewonnen werden. Der letzte Streik im Juni dieses Jahres wurde gar aus Solidarität mit streikenden Kolleg*innen in Deutschland angegangen, mit welchen jetzt hinsichtlich des kommenden Weihnachtsgeschäftes erneut über Aktionen beraten wird.8

Der 03.10.2015 stand ganz im Zeichen der Erarbeitung konkreter Herangehensweisen an einen Sozialstreik. In einem Vormittags- sowie einem Nachmittagsblock wurden in insgesamt 8 jeweils 3 stündigen Workshops durch die teilnehmenden Gruppen verschiedene Themenfelder bearbeitet. In beiden Blöcken wurde in 2 Teilen über die Transformation von Arbeit und Betriebsumgebung seit den letzten 25 und damit Verbunden die Anforderungen an einen transnationalen Streiks diskustiert. Gewerkschaften, die ihre Daseinsberechtigung nur noch auf dem Papier haben, eine schnelllebiege, mobile Arbeitswelt, die Prekarisierung von Arbeit in Zusammenhang mit den unterschiedlichen nationalen Begebenheiten und die Neuzusammensetzung von Betriebsführungen im Industrieb gehörten zu den Unterthemen dieses Workshops. Das Ziel sollte sein, neue Konzepte heutiger Gewerkschaftsarbeit als Teil sozialer Bewegungen zu entwerfen, die sich von denen bisheriger, traditioneller Gewerkschaftsarbeit unterscheiden. In weiteren Workshops wurde darüber gesprochen, wie Gewerkschaftsarbeit diskriminierungsfrei zu gestalten sei, wie unterschiedliche Streikformen in unterschiedlichen sozialen Umgebungen miteinander verbunden werden können, wie Arbeitskämpfe und Kämpfe gegen die Austeritätspolitik der EU verbunden werden können. In einem Mappingprojekt wurden vergangene, gegenwärtige und zukünftig mögliche Streiks mit anderen sozialen Kämpfen in Europa in einen Zusammenhang gebracht. Weiterhin wurde über die existierenden, speziell im Care- und Logistikbereich (bsp. Amazon) existierenden, transnationalen Ausbeutungsketten diskutiert und wie diesen zu begegnen sei. Die Besonderheiten der Ausbeutung migrantischer Arbeitskräfte sowie die Erzeugung eines bewegungseinschränkendem Mobilitätsregimes durch die EU mit Frontex allem voran, bekamen ebenfalls einen Extra-Workshop. Die Ergebnisse aller Workshops wurdem im Abschlussteil am Sonntag präsentiert. Aufgrund früherer Abreise war mir eine Teilnahme am Abschlussplenum leider vergönnt, Beschlüsse, Ergebnisse und weitere Handlungsweisen solllten jedoch alsbald auf www.transnational-strike.info nachzulesen sein.

Insgesamt kann festgehalten werden, dass die „Workers Initiative“ Poznan die Ausrichtung des Treffens – hätte ich auch nicht anders erwartet – gut gemeistert hat. Es gab zwar kleinere Defizite hinsichtlich der Ortswahl, vor allem was die Raumakustik und Größe der Räume anging – die fielen aber nicht weiter ins Gewicht. Sämtliche Teilnehmer*innen des Treffens brauchten sich um ihre Unterbringung keine Gedanken machen – die „WI“ sorgte dafür, dass jede*r einen Platz in einem der umliegenden Hostels bekam, einzelne Leute wurden des Weiteren im Rozbrat, einem Squat in der Innenstadt und Dreh- und Angelpunkt der Arbeit der „Workers Initiative“, untergebracht. Das die Planzeiten der Workshops und Assemblys nur minimal überschritten wurden, zeugt für mich von einger guten Vorab-Orga. Übersetzer*innen, soweit nötig, waren ebenfalls ausreichend vor Ort. Kulturell wurde zwar nichts konkretes angeboten, dafür fehlte für das prallgefüllte Wochenende und mit der Gewissheit, dass die meisten Partizipierenden einen langen An- bzw. Abreiseweg hatten, sicher aber auch die Zeit. Während des gesamten Wochenendes wurde durch die Küche des Kulturhauses, in dem pleniert und geworkshopt wurde, vegan / vegetarische Vollverpflegung, allerdings der gehobeneren Preisklasse, angeboten. Das stellt denke ich bei Meetings der Arbeiterbewegung nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit dar. Wie oben schon beschreiben, konnte erneut eine große Anzahl deutscher Aktivist*innen am Treffen festgestellt werden; das war auch in den Pausen in den Gesprächsrunden und auch teilweise während der Plena nicht zu überhöhren – machte sich ansonsten meines Erachtens aber nicht weiter negativ bemerkbar. Es ist jedoch erneut die Frage zu stellen, wieso es an internationalen Zusammenkünften eine so hohe Beteiligung gibt, auf nationaler Ebene jedoch kaum bis gar keine Anstrengungen unternommen werden, die Arbeiterschaft im Sinne einer antiautoritären Linken flächendeckend neu zu organisieren. Die Selbstverständlichkeit, mit der Fotos und Videos, welche mitunter auch via Livestream im Internet verfolgbar waren, vom Treffen gemacht wurden, fand ich teilweise erschreckend, wenn ich bedenke aus welchem Umfeld heraus dieses Treffen organisiert wurde. Ich möchte an der Stelle nicht wie ein Spielverderber klingen, aber es hätte sich zumindest eine vorherige Einverständnis geholt werden können, bevor Fotos gemacht werden, denn ich bin mir sicher, dass es außer mir noch weitere Personen gab, die nicht unbedingt gewollt haben, dass ihre Gesichter noch am selben Tag zu Hauf auf Facebook hochgeladen werden. Weiterhin unbedingt kritisch zu sehen ist, dass bei dem Treffen vor allem weiße, privelgierte Aktivist*innen und Arbeiter*innen miteinander darüber diskutierten, wie das gegenwärtige und zukünftige Prekariat zu organisieren sei, welches durch den Zugang migrantischer Arbeitskräfte einen enormen Zuwachs bekommt. Es waren zwar einige Vertreter*innen von Initiativen Geflüchteter außerhalb der EU vor Ort – doch auch hierbei handelte es sich durchweg um weiße Menschen. Das machte für mich die kritikwürdigste Komponente des Treffens aus und sollte bei der Weiterführung solcher Meetings und weiteren Organisierungsbestrebungen unbedingt überdacht werden – andernfalls sehe ich den Versuch, eine auf emanzipatorischen Werten basierende, sich also auch als antirassistisch verstehende Arbeiterbewegung zu organisieren, missglücken. Auf das die Probleme bei der Wurzel gepackt werden…

1Die sogenannte Quadriga bezeichnet das inoffizielle Gremium von Europäischer Zentralbank (EZB), Internationalem Währungfond (IWF), Europäischer Kommission (EU) und Europäischem Stabilitätsmechanismus (ESM) und löste Ende Juli 2015 die „Troika“ aus EZB, EU und IWF ab.

2Der Care-Sektor umfasst Berufe im Pflege- und Betreuungsbereich, vor allem Altenpflege oder Kinderbetreuung. Unter dem Schlagwort „globaler Betreuungsketten“ werden Sorge und Fürsorge zur Handelsware auf dem freien Markt und von Familienmitgliedern westlicher Industrienationen an vorwiegend migrantische Arbeitnehmerinnen, welche als billige Arbeitskräfte beschäftigt werden, weitergegeben. Vgl.: Arlie R. Hochschild, 2000 „Global Care Chains and Emotional Surplus Value“

3Die Ergebnisse des ersten Social-Strike Meetings sind online unter http://www.transnational-strike.info/resources/

4Siehe dazu Gaidao 58 10/2015, Art. „Beyond Deutschland“ http://fda-ifa.org/gai-dao-nr-58-oktober-2015/

5Mehr Informationen unter: http://federacja-anarchistyczna.pl/

6Siehe auch: http://www.balkaninsight.com/en/article/thousands-bosnia-workers-protests-against-labor-law-reforms

7Genauere Informationen zur Kommission des Amazon-Warenhauses Poznan: http://www.ozzip.pl/english-news

8Infos zum ersten offiziellen Treffen von Kolleg*innen in Deutschland und Polen: https://libcom.org/news/cross-border-amazon-workers-meeting-30092015

Dieser Beitrag ist auch erschienen in der aktuellen Gaidao Nr. 59, die ihr hier zum Download findet: http://fda-ifa.org/gai-dao-nr-59-november-2015/

Anarchismus als Bewusstseinsprozess

Wenn wir Anarchismus als den Weg verstehen, den wir beschreiten, wenn wir uns aufmachen zur Befreiung eines jeden Individuums und damit einhergehend unserer Selbst von sämtlichen Konventionen und auferlegten Zwängen, dann können wir den Anarchismus zugleich als einen lebenslangen Bewusstseinsprozess begreifen.

Umso bewusster wir uns werden, in welchem Maße uns unsere Sozialisation auch in negativer Art und Weise beeinflusst hat, desto größer ist die Möglichkeit, dass wir an negativen Verhaltensweisen arbeiten können. Als negative Verhaltensweisen bezeichne ich Verhalten, welches einhergeht mit der Ausübung von Herrschaft eines Individuums über ein anderes. Wenn uns in 12 Jahren Schule verklickert wird, dass aus uns nur etwas werden könne, wenn wir das Abitur und das möglichst gut schaffen, bedeutet das in erster Linie, dass wir lernen, mit möglichst viel Stress und Druck umzugehen, um später einmal so systemdienlich wie möglich leben zu können. Wenn uns in unserer Kindheit verklickert wird, dass wir nichts von Fremden annehmen sollen, bedeutet das in erster Linie, zu lernen, sich so misstrauisch wie möglich durchs Leben zu bewegen, um später im kapitalistischen Konkurrenzkampf, dann mittlerweile auf dem Viehmarkt angekommen, sich so gut wie möglich nach oben zu mogeln. Wenn euch eure Eltern mit Hausarrest gedroht haben, solltet ihr noch um die Häuser ziehen, nachdem die Lichter der Laternen bereits erleuchtet sind, dann nur, um euch zu lehren, dass Ungehorsam unter Strafe gestellt wird. All diese Beispiele und noch tausend weitere individuelle Situationen lehren uns in irgendeiner Weise, uns anderen Menschen über- bzw. unterzuordnen und sollen für eine systemkonforme Entwicklung möglichst gleich funktionierender Automaten sorgen. Sie sind auch der Grund für die Existenz sämtlicher -ismen, die auf Unterdrückungsmechanismen hinauslaufen. Die gängigsten Oberbegriffe dafür sind Rassismus, Nationalismus, Sexismus, Sozialchauvinismus und Ableismus aber auch -ismen, die ganze Systeme und/oder deren Funktionsweise beschreiben; wie den Kapitalismus, den Kommunismus, den Sozialismus oder auch den (Neo)liberalismus. Gleichberechtigt, gemeinschaftlich, empathisch und gleichzeitig maximal selbstbewusst sowie -bestimmt werden wir in Umgebungen, in denen durch solcherlei -ismen erzeugte Autoritäten existieren, nicht leben können. Wir können nur in einer vollständig freien Umgebung selbst maximal frei leben.

Bewusstseinsprozesse werden in erster Linie dadurch angestoßen, dass wir unser eigenes Verhalten nicht als selbstverständlich betrachten. Im Gegenteil – wir sollten es für veränder- und entwickelbar halten. Veränderbar in der Hinsicht, dass wir schädliche Verhaltensweisen für uns selbst und andere ablegen können; entwickelbar in der Hinsicht, dass wir in der Lage dazu sind, uns weiterbringende Fähigkeiten auch im gewaltlosen und herrschaftsfreien Umgang miteinander anzueignen. Wir sind in der Lage, uns diverse Erinnerungen auch an längst Vergangenes mithilfe unseres Gedächtnisses hervorzuholen und diese zu reflektieren. Erinnerungen an die Tracht Prügel des Vaters, an das Mobbing im Unterricht, an die Besäufnisse an der Bushaltestelle, an die sinnlosen Abende vor dem TV, an den Zwang durch die Gruppe und an die Strenge des Mathematiklehrers. Dabei sollte man keinesfalls auch vor den Erfahrungen in der eigenen Familie haltmachen und sich vor Augen halten, dass ein Hauptteil unserer Sozialisation auf diese zurückzuführen ist – Familie hat keinen Sonderstatus, das wäre ungerecht anderen Individuen gegenüber. Leider lässt uns das jahrelang perfekt inszenierte Gefühl der Liebe in Bezug der Eltern auf uns als Kinder oft nicht freiwillig los. Es handelt sich um eine Art der Liebe, die in vielen Fällen einhergeht mit allerlei Kompromissen (artig sein, nicht rauchen, nicht „stehlen“, nicht zappeln, leise sein) und gleichzeitig scheinbar normweisend in Bezug auf den Begriff Liebe und dessen Auslebung ist. Es handelt sich also bei der Eltern-Kind-Liebe auch heute noch häufig um eine unfreie, meist mit Konventionen belegte Liebe, die auch ungewollt und somit unbewusst ein Potentat für die Ausbildung jeglicher autoritärer Verhaltensweisen sein kann. Geschichte muss in jedem Fall Erinnern & Reflektieren bleiben, auch in Bezug auf die eigene Persönlichkeit und die Entwicklung in den eigenen familiären Strukturen. Schließlich sind wir auch ein Teil des großen, falschen Ganzen.

Wir können uns eine Welt frei von -ismen, die eine Beziehung einer oder mehrerer Individuen über oder unter andere beschreiben, vorstellen. Wir haben die Möglichkeit zu träumen und zu phantasieren. Wir können in unserem eigenen Umfeld Bewusstsein schaffen und uns somit ein herrschaftsfreies Umfeld aufbauen. Wir können auf Menschen zugehen und sensibilisieren, und wenn wir nicht zu schnell aufgeben, werden wir Anerkennung bekommen; Anerkennung in Form der Erkenntnis, einen Prozess angestoßen zu haben. Wir können mit direkter Aktion und Sabotage schon lange Ohnmächtige wachrütteln – und wieder werden wir Glück empfinden. Wir haben sogar die Möglichkeit, bewusstseinserweiternde Drogen wie LSD oder MDMA – selbstverständlich verantwortungsvoll – zu konsumieren und können somit bei richtiger Anwendung in eine Welt eintauchen, die frei von gesellschaftlichen Konventionen und auferlegten Zwängen lebt und in der wir wieder Teil der Natur werden.

Doch so lange wir die schöne Welt noch nicht haben – lebt motiviert und voller Freude auf das Zukünftige den Prozess und lasst ihn eure Umwelt spüren.

Dieser Text ist auch zu finden in der Gaidaoausgabe Nr. 58 / 11.2015

Bewusstsein

Der Kapitalismus – Ein ungebändigter Seelenfresser

Wenn ich vom Westen einen Schritt Richtung Osten gehe, also die Schwelle von den westlichen Staaten, die die Zeit hatten ihren Kapitalismus in 60 Jahren aufzubauen, zu den alten SU-Staaten übertrete, die das erst seit etwa 1990 tun können, ist das erste was mir auffällt: Sie versuchen aufzuholen. Das, was der Westen an überflüssigen Prunkbauten, Einkaufszentren, Beton und Einfalt errichtet hat, schien der Osten nach dem Fall der Mauer ebenfalls für die bessere Alternative zum Sozialismus gehalten zu haben. Da muss schnell aufgeholt werden! Die Auswirkungen davon sind verheerend, die Menge an seelenlosen Gesichtern, an finster dreinblickenden Mienen und an gehetzten Menschen scheint mir noch mal um mindestens das doppelte gestiegen zu sein.

Bei Städten mit 500.000 Einwohner*innen+ kann man vor lauter Kränen in den Städten kaum etwas sehen, ein 12-Stunden Arbeitstag und eine 6 Tage Woche für Menschen, die, wenn mensch sie so nennen will, der sogenannten Arbeiterklasse beziehungsweise dem Prekariat angehören, ist völlig normal und wer einen Stundenlohn von 12 Zloty pro Stunde als ausgebildete Fachkraft bekommt, kann sich schon glücklich schätzen. Die meisten Geschäfte haben von morgens bis tief in die Nacht geöffnet, Straßenbauarbeiter*innen sind bis Mitternacht in der Innenstadt beschäftigt. Im gleichen Atemzuge wird eine Wohnungspolitik gefahren, die seines Gleichen sucht. Um Wohnungen luxussanieren zu können, werden schon mal mafiöse Strukturen angeheuert, um die lästigen Vormieter*innen aus der Wohnung zu ekeln. Menschen, die in so eine Lage geraten, haben es schwer, überhaupt noch eine neue Wohnung zu finden. Kommunalwohnungen werden ebenfalls verteuert, um die verschuldeten Banken retten zu können. Schauen wir in Supermärkte, entdecken wir, dass die Preise für Dinge des täglichen Bedarfs sich kaum mehr von denen in westlicheren Supermärkten unterscheiden und das bei etwa 1/3 des Durchschnittslohns. Das Privateigentum scheint im Osten auf einmal geheiligter als irgendwo sonst – dort wo früher der Sozialismus regierte. An nahezu jedem Haus, ob es nun leersteht, total eingefallen ist oder bewohnt ist, werden wir darauf aufmerksam gemacht, dass das jeweilige Objekt durch eine der fadenscheinigen Sicherheitsdienste bewacht wird. Das Sicherheitsgewerbe scheint in polnischsprachigen Gefilden überhaupt der größte Arbeitgeber zu sein: Alles und jede*r wird von einem Security bewacht, du triffst sie überall. Klar, die neuen Errungenschaften des Privateigentums müssen in Trockene gebracht werden und die recht hohe Anzahl an Menschen, die sich einen Einkauf in den recht teuren Supermärkten so wie die neu geschaffene Mittelschicht nicht leisten können oder Menschen, die auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf Unterschlupf in den trotzdem zahlreich existierenden, leerstehenden Häusern suchen wollen, sollen abgeschreckt werden. Es bäumt sich jedoch Widerstand durch immer radikaler werdende Mieterschutzvereinigungen, in der sich selbst die anarchistische Bewegung endlich eine Stimme erkämpft hat…

Selbstverständlich gilt es zum Sozialismus, ein System, dessen versagen wie in allen anderen Systemen im Namen inbegriffen ist, Alternativen zu finden. Dass diese Alternative jedoch offensichtlich nicht der Kapitalismus ist, steht den Menschen ins Gesicht geschrieben. Die wenigen Momente des Glücks, die der Kapitalismus beschert, sind von kurzer Dauer und Hängen von unseren Konsummöglichkeiten ab – diese kurzen Momente des Glücks, die wir im Kaufrausch am Sonntag erleben, ersetzen ein glückliches Leben nicht. Die Frage ist nur, wie in vielen anderen Regionen der Erde auch, wann die Erkenntnis dazu kommt, der Umschwung, die Revolte und schlussendlich: Die neue Selbstorganisation der Menschen.

Kapitalismus, du bist ein Verbrechen! Und zwar an Mensch und Umwelt.

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ROD – Besetzte Kleingärten in Warschau

Folgendes Interview führte ich mit einem Aktivisten in Warschau, der Teil einer Gruppe von Besetzer*innen einer besetzten Kleingartenanlage ist. Darin bekommen wir einen Einblick in die Anfänge eines Projektes, welches erst im Frühjahr dieses Jahres gestartet worden ist und welches trotz dessen schon eine eindrucksvolle Entwicklung hinter sich hat. Das Squat, welches auf einer Initiative des Reclaim the Fields Netzwerkes basiert, führte vergangene Woche sogenannte Action Days durch. Dabei soll das Gelände in einer offenen Bau- und Politikwoche mit abschließender
Konzertveranstaltung weiter ausgebaut werden und die Nachbarschaft sensibiliert werden. Doch lest selbst:

A.A.: Hallo Angel. Wir sitzen hier in einem besetzten Garten in Warschau namens ROD. Danke, dass du dich dafür bereit erklärt hast, dem A-Radio Berlin ein Interview zu geben. Kannst du und vielleicht erst einmal ein bisschen was über die Ursprünge des Projekts erzählen?

A.:Ja klar. Wir haben uns im März diesen Jahres (2015) das erste Mal getroffen, im Rahmen von einem „Reclaim the fields“-Meeting hier in Warschau. Der Plan war zu gucken, ob es hier die Möglichkeit gibt etwas zu besetzen, ein Projekt zu starten. Und dann sind wir losgezogen und haben uns ein paar ausgewählte Destinationen angeguckt, und sind hier gelandet. Das ist eine verlassene Kleingartensiedlung bzw. ein Teil einer relativ großen Kleingartensiedlung. Relativ zentrumsnah, Viertelstunde oder sowas mit dem Rad, das ist super. So hat es angefangen. Wir haben uns dann dazu entschieden hier zu starten. Im April sind dann die ersten Leute hierher gezogen. Im Mai waren wir dann zu fünft. Es wächst kontinuierlich.

A.A.: Wie würdest du das Umfeld der Leute beschreiben, aus denen das Projekt entstanden ist?

A.: Das Projekt wirklich gestartet haben Oskar und Bascha, die beide in Syrena gewohnt hatten zu der Zeit. Syrena ist ein besetztes Haus in der Innenstadt. Die haben das ganze initiiert. Lukasz war auch von Anfang an dabei. Die anarchistische Szene Warschaus.

A.A.: Kannst du uns ein paar Etappen des Projekts nennen, die es ermöglicht haben das zu sein, was es jetzt ist?

A.: Am Anfang sah alles sehr heruntergekommen aus. Man muss dazu sagen, dass dieser Teil des Gartens hier gekauft wurde von einem Investor. Und zwar wurde er der Stadt abgekauft. Die Leute, die hier ihre Gärten hatten, hatten Pachtverträge. Relativ lange Pachtverträge, vielleicht sogar auf Lebenszeit. Die wurden sozusagen enteignet. Also ihre Gärten wurden enteignet. Die Leute wurden verjagt, mehr oder weniger direkt. Die Resistentesten von ihnen, die sich am längsten dagegen gewehrt haben zu gehen, deren Häuser wurden teilweise abgefackelt. Das war schon ein krasses Bild, so verbranntes Spielzeug und so zu sehen in halbverbrannten Häusern und ähnliches. Und das erste was wir zu tun hatten, war einfach aufzuräumen, dass man da überhaupt mal klarkommt. Denn fast alle Häuser wurden eben in den letzten sieben Jahren von den eigentlichen Besitzer*innen kaum noch genutzt. Sind verwahrlost, Leute haben darin temporär über den Winter gehaust und es wurde viel aufgebrochen, viel geklaut, viel kaputt gemacht. Das war das Erste, was hier zu tun war, das alles mal wieder aufzuräumen.

Dann haben wir uns die Küche als Gemeinschaftsraum eingerichtet. Jede*r hat sich ein Haus geschnappt, das er_sie sich selbst freigeräumt hat und irgendwie so hergerichtet hat, dass er_sie darin leben kann. Und seither sind wir weiter am Wachsen. Also ein paar Leute sind dazu gekommen. Wir haben mittlerweile 2, 3, 4 Gästehäuser, in denen immer mal wieder Besucher*innen bleiben können. Egal wie lang. Das ist alles sehr offen hier. Mittlerweile haben wir die Zeit uns gemeinschaftlichen Dingen zu widmen. Wir haben ein Haus gebaut. Wir haben ein Tipi gebaut als Gemeinschaftsraum und so Social Spaces geschaffen.

A.A.: So wie du das beschreibst, gibt es also einen festen Kern an Menschen, die das Projekt hier am Laufen halten. Aber es scheint ja auch immer mal wieder Leute zu geben, die hierher kommen und kurz am Projekt partizipieren und dann wieder verschwinden. Aus wie vielen Leuten besteht der feste Kern des Projekts? Was würdest du sagen?

A.: Genau. Gegründet haben wir das zu fünft. Mittlerweile bin ich nur noch temporär hier. Drei weitere sind dazu gekommen, die wirklich auch langfristig hier mitwirken werden. Und dann gibt es noch eine weitere Person, die auch nur temporär hier ist. Allerdings auch ein halbes Jahr mittlerweile schon. Und jetzt auch noch ein paar Monate. Ansonsten sind immer wieder Leute aus dem Syrena- oder Przychodnia-Umfeld aus der Stadt, die einfach mal tageweise vorbeikommen oder auch wochenweise rauskommen. Raus ins Grüne quasi mitten in der Stadt.

A.A.: Ihr veranstaltet hier gerade sogenannte „Action days“, d. h. ihr ladet Leute offen dazu ein hierher zu kommen und mitzuhelfen das Projekt voran zu treiben. Habt ihr euch ein bestimmtes Ziel für diese Action Days gesetzt? Und über welchen Zeitraum verlaufen diese Action Days?

A.: Also die sind jetzt fast zu Ende. Wir haben jetzt zwei Wochen lang versucht die Akzeptanz für dieses Projekt in unserem direkten Umfeld, in unserer Nachbarschaft zu erhöhen, indem wir einen Platz, der vor unseren Gärten liegt, der allerdings auch verwahrlost und als Müllhalde benutzt wurde, hergerichtet haben. Wir haben das Gras weggesenst. Wir haben Tische, Stühle, Sitzgelegenheiten … einen Raum für soziales Leben zu schaffen. Daneben haben die Anwohner*innen erzählt, dass sie vor einiger Zeit ihren Platz, den sie in ihrem Wohnviertel hatten, verloren. Der wurde einfach weggemacht und nicht kompensiert. Wir versuchen den Leuten hier in der Gegend zu vermitteln, was wir hier vorhaben. Nämlich langfristig ein Social Space für die Nachbarschaft zu sein, bei dem jede*r partizipieren kann, ganz frei teilnehmen, das wollen wir vermitteln. Wir haben ein kleines Häuschen gebaut aus all dem Müll, den wir hier aufgesammelt haben und schön mit Erde verkleidet und ein paar Fließen, die auch da im Wald vor unserer Haustür rumliegen, der auch ziemlich zugemüllt ist, was den Leuten hier überhaupt nicht gefällt, und uns natürlich auch nicht. Wir haben einfach versucht zu zeigen, dass wir da ein bisschen was machen wollen und uns dagegen stemmen, die komplette Kleingartensiedlungen hier einem Investor zu überlassen, der dann daraus einen Parkplatz machen will.

A.A.: Das ist euch auch wunderbar gelungen, wie man sehen kann. Ihr habt ja einiges geschafft und errichtet. Zum Ende der Action Days erwartet die Gäste und die Leute, die das Projekt kennenlernen wollen, morgen eine Konzertveranstaltung. Das ist die erste Veranstaltung auf dem Gelände, ist das richtig?

A.: Im Grunde ja. Das wird das erste öffentliche Konzert in solch großem Rahmen. Es werden 5 Punk-Bands kommen.

A.A.: Wir hoffen, dass der Platz danach noch steht.

A.: Jaja, die Befürchtungen sind da, dass es mitunter ausartet, ja.

A.A.: Angel, danke für das Interview. Gibt es noch irgendwas, das du noch hinzufügen möchtest?

A.: Na klar. Unser Name und wie wir zu finden sind. Wir sind ganz klar offen für jede*n, der vorbei kommen will, kann auch gern länger bleiben. Also wir heißen ROD, das ist die frühere Abkürzung für bürgerliche Stadtgärten. Wir benutzen die gleiche Abkürzung. Das heißt sowas wie Schrebergärten. Wir haben die Abkürzung behalten. Allerdings nennen wir uns nicht mehr bürgerliche Stadtgärten, sondern radikale Stadtgärten. Wir sind eigentlich relativ gut zu finden, wenn man nach Warschau kommt. In den besetzen Häusern Syrena oder Przychodnia gibt es eine Wegbeschreibung, wie man zu uns kommt. Oder online über das „Reclaim the fields“-Network kommt man auch an Kontaktdaten zu uns. Also kommt rum.

A.A.: Super. Dann hoffen wir auf eine klasse erste Veranstaltung auf dem Gelände morgen und sagen ‚Tschüss‘.

A.: Danke. Machs gut.

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weitere Infos zum Projekt unter: Reclaim the Fields Polen

Das Interview demnächst auch im Audio-Format in deutscher und englischer Sprache hörbar unter: A-Radio Berlin

Osteuropa

Ab Mitte September ’15 begebe ich mich auf eine 6-monatige Reise durch anarchistische Projekte in Osteuropa. Dabei werden Interviews mit anarchistischen Aktivist*innen aus diversen Projekten und Gruppen sowie einige persönliche, subjektive Berichte entstehen.
Seid gespannt! Erste Info*s bald…

Sich selbst ermutigen – Jedes Mal aufs Neue

Dieser Text richtet sich an alle ruhelosen Träumer*innen, an alle durch die Nacht schwärmenden Philosoph*innen und an alle Kämpfer*innen für eine gerechtere Welt. Er richtet sich an Alle, die die Anarchie im Geiste und im Herzen tragen. An die Menschen, denen die nach Verwirklichung schreiende, bessere Welt bereits als buntes, vielfältiges Luftschloss in den Köpfen herumschwirrt. Aber vor allem richtet er sich an die Menschen, deren Visionen allzu oft an den grauen Grenzen der Realität halt machen müssen, die Menschen, die tagtäglich auf undankbarste Art und Weise Erfahrungen mit der Kleinkariertheit der öffentlichen Meinung machen müssen. Noch Leben wir in einer Welt voller Statist*innen, wobei die Statistik die öffentliche Meinung widerspiegelt. Statist*innen, deren Geist unter dem Joch von Gesetz & Moral verblasst ist, die am unveränderlichen Ist-Zustand festhalten und ihr Leben dafür aufopfern, ohne je wirklich gelebt zu haben. Emanzipatorische Bewegungen treten mittlerweile in einem viel globaleren Rahmen zu Tage, jedoch standen sie wahrscheinlich auch noch nie einer größeren Massen an Statist*innen gegenüber, die nicht verstehen, dass Statistiken auch nur Momentaufnahmen sind.

Ihr seid mit eurem Denken nicht Alleine. Ihr seid nicht nur hunderte oder tausende, sondern sicher mehr als 100.000 Seelen, die sich täglich intensiv mit den überflüssigen Erschwernissen des eigenen Lebens, dessen Gestaltung sich übergeorndete Individuen annehmen wollen, auseinandersetzen. Menschen, die das Jetzt als schädlichen Zustand in vielerlei Hinsicht betrachten, nicht nur für sich selbst, sondern für nahezu jedermensch. Menschen, die es unablässig Fühlen können, dass sie in einen Käfig eingesperrt sind, deren Grenzen die durch Recht und Gesetz gelenkte öffentliche Meinung bilden. Es gibt unzählige Projekte, in denen sich aktiv und praktisch mit den Möglichkeiten eines alternativen Lebens auseinandergesetzt wird. Es gibt unzählige Menschen, die gern Teil solcher Projekte, Teil solcher Bestrebungen werden wollen. Und es gibt Leute, die Denken, sie sind zu wenige, um diese Bewegung, die uns eine bessere Zukunft aufzeigt, voranzutreiben. Die Kunst liegt darin, zu Erkennen, dass nicht ihr falsch denkt, sondern die starre Masse sich des Denkens verweigert. Jeder Mensch ist einer mehr. Damit die starre Masse aus dem Gleichgewicht kommt und die verschiedenen Individuen ihre Fesseln ablegen können, braucht es AHA-Momente. Jetzt kommst du ins Spiel, als kreativer, freier Geist. Du als Mensch, der eine ungefähre Vorstellung davon hat, aus welchen Bestandteilen die gerechtere Welt bestehen sollte. Ob bei einer direkten, gemeinsam Aktion, in denen du zusammen mit deinen Freund*innen die Freiheit bereits riechen kannst oder bei einer selbstorganisierten Veranstaltung, in der wir als Individuen die Regeln bestimmen. Bei einer fetzigen Banneraktion, die für ein „Ohhooo“ gesorgt hat oder wenn wir es als Gruppe selbstermächtigter Indivduen geschafft haben, uns vor Nazis und Bullen auf die Straße zu setzen. Zeige den Menschen das schöne Leben und sie werden sich über sich ärgern und irgendwann, wenn das System immer massiver ins Wanken gerät und die Menschen beginnen zu Zweifeln, werden sie an deiner Seite stehen.

Wenn du lernst, bewusst du selbst zu sein, Konventionen verachtend, dann bist du selbstbewusst und lernst, deine eigene Ausdrucksform zu finden. Du lernst es, dich gegenüber dem unreflektierten Shitstorm derer, die nicht selbstbewusst sind, zu behaupten. Gegenüber denen, die Selbstbewusstsein damit definieren, dass sie den Erwartungen Anderer in möglichst exzellenter Manier entsprechen. Du willst den Erwartungen anderer nicht entsprechen, du willst dein Leben leben – in einer Gemeinschaft voller freier Individuen. Du hast ein Recht dazu und kein anderes Recht kann sich diesem Menschenrecht und Recht auf Selbstbestimmtheit überordnen. Auch nicht das Recht eines anderen Menschen. Genauso wenig solltest du selbst Recht erzeugen. Jedem*jeder sein Recht. Auf Leben. In Freiheit. Und bis dahin: Lebt euren Kampf und lasst euch dabei nicht entmutigen, ihr seid Viele und garantiert ist nirgendwo jemensch ganz alleine, haltet nur die Augen offen und seid umsichtig. Und hinter euch wird tatsächlich irgendwann ein ganzes Leben liegen, was es wert ist, so genannt zu werden. Ein vielfältiges Potpourri an Erlebnissen im Gegensatz zu dem Grau eines Lebens, in dem ihr vorrangig damit beschäftigt ward, euch zu Tote zu Arbeiten und in Einfalt auf euren Lebensabend zuzusteuern.

CrimethInc

Für eine Revolution der Liebe

Liebe darf kein Begriff sein der einer festen Definition folgt. Es gibt keine klare Linie zwischen der Liebe zwischen Freund*innen und festen Partner*innen, die Grenzen verlaufen fließend. Die Personen, denen wir Liebe und Zuneigung entgegenbringen, weil wir sie als unsere Familie betrachten, dürfen nicht vordefiniert sein. Wenn alle Menschen all das Berücksichtigen würden, könnten wir frei von allen Konventionen in eine Beziehung zu anderen Menschen treten und selbstermächtigt unser Ich in einer Gemeinschaft voller Leben und Liebe ausleben.

Die Gesellschaft hat im Laufe ihrer Entwicklung Definitionen für das gefunden, was Liebe ist. Liebe vermittelt heute vor allem ein Gefühl von Sicherheit und Abhängigkeit, die sich in ihrer reinsten Form meist auf das Interagieren zwischen zwei Personen beschränkt. Es gibt sogar Bücher darüber, wie mensch richtig liebt. Die Komplexität und Diversität der Formen, in denen wir einander Zuneigung zeigen können, wird Zurückgehalten durch die Allmacht der durch die Kirche geschaffenen und Heute durch die Masse aufrechterhaltenen Regeln. Schließlich will ja auch niemensch gern als „Sonderling“ betrachtet werden. Zuneigung zeigen bedeutet immer auch zu Lieben, die Intensität dieser Liebe hängt ganz allein von der Tiefe der Beziehung ab, die wir zueinander eingegangen sind. Die Liebe von Heute jedoch ist standardisiert und die Unterschiedlichkeit der Art, in denen Individuen ihre diversen Beziehungen zueinander ausleben, ist in feste Normen gepresst. Das Wort Liebe wird in vielen Fällen nur verwendet, um zu beschreiben, dass wir uns aneinander gekettet haben oder um in irgendeiner Weise eine Abhängigkeit zueinander zu verdeutlichen, die unter Umständen erdrückend wirken kann und im Endeffekt unglücklich macht. Wie oft fühlen Menschen sich verpflichtet, den Kontakt zu ihrer Familie stets zu pflegen, obwohl der „Familienfrieden“ schon längst schief hängt? Wie oft fühlen Menschen sich verpflichtet, etwas mit ihre_m_r besten Freund*in zu unternehmen, obwohl die Freundschaft schon längst nicht mehr das ist, was sie früher war? All das geschieht unter dem Banner dieser 3 gesellschaftlich anerkannten Formen der Abhängigkeit unter dem Banner der Liebe: Die Liebe zum Partner, die Liebe zur Familie und die Liebe zu der Person, zu der Ich gehe, wenn es in der richtigen Liebe gerade nicht so läuft oder um Hin- und Wieder aus dem selbst geschaffenen Gefängnis auszubrechen. Die Liebe von Heute ist nicht frei, sondern starr, dumpf und ohne Leben. Sie will sich ihren Weg suchen, doch wir lassen sie an den Mauern unserer Sozialisation und den gesellschaftlichen Regeln, denen wir uns unterordnen, zerschellen.

Wir halten unsere Liebe zurück, weil wir in klaren Linien erzogen werden. Liebe deinen Nächsten ist eines der zehn Gebote, die sich in der Realität jedoch nur auf einige wenige Menschen beschränkt. Bei allen anderen Menschen ist von Beginn an das oberste Gebot: Nehme nichts von Fremden an. Nichteinmal Liebe. Klare, anerzogene Linien und die Reglementierung unserer wahrhaftigsten Gefühle erzeugen Misstrauen auf der einen Seite und Distanz auf der anderen. Die Distanz, die der aufgeklärt Liebende wahrt, weil der Mensch gegenüber sich durch das entgegenbringen von zu viel Liebe womöglich Verpflichtungen ausgesetzt fühlt, hindert ihn daran, er selbst zu sein. Der Mensch wiederum, dessen Liebe einer starren Definition folgt, zwingt sich dazu, kalt zu sein, aus der Angst heraus, sich in eine ungewollte Abhängigkeit zu stürzen. Verständlich, wer ist auch schon gern abhängig von jemandem? Liebe nicht als Abhängigkeit zu betrachten, sondern als etwas Freies, das ist die Kunst. Wir sind natürlich alle Liebende, die einen mehr, die anderen weniger – jedoch Leben wir unnatürlich So spielen wir alle nur Rollen in einer ständigen Unsicherheit und geißeln uns selbst, anstatt wir selbst zu sein. Wir Lernen nicht, dass Liebe frei ist, sondern was Liebe ist. Die Form, in der wir Liebe Leben, ist ein wichtiges Standbein unserer Gesellschaft einschließlich all ihrer jetzigen Schattenseiten. Denn in ihr Leben nur einerseits abhängige und andererseits zwanghaft konkurrierende Individuen. Gerade in der Liebe jedoch haben wir die Möglichkeit, eine Revolution von unten zu Beginnen. Denn sie ist nicht staatlich oder kirchlich auferlegt, sondern sie beginnt in den Gefängnissen unserer Köpfe.

Doch solange wir in einer Gesellschaft Leben, die auf Konventionen aufgebaut ist und festen Normen folgt, werden auch die frei Liebenden nicht zur Geltung kommen. Denn sie fühlen sich unterdrückt von der Wirklichkeit, die durch die ohnmächtige Masse aufrecht erhalten wird. Also lasst uns weiter auf die Revolution der Liebe warten, wodurch sie auch immer zu Tage treten möge. Und unser aller Leben wird blühen.

liebe

Über Monogamie, Tristesse und den Ausweg

Monogamie ist bei Weitem kein bürgerliches Phänomen, ganz im Gegenteil. Die meisten Menschen, selbst in emanzipiertesten Kreisen, verpassen es, sich hinsichtlich ihrer (Liebes-)Beziehungen untereinander angemessen zu reflektieren. Ganz im Gegenteil, wohin das Auge auch blickt ziehen es nicht wenige Menschen vor, unter dem Banner einer sogenannten „Ein-Ehe“, sich gegenseitig ihre Ketten zu schmieden. Die Freiheit des Individuums spielt plötzlich keine Rolle mehr. Dass Monogamie in den allermeisten Fällen einhergeht mit individueller Verarmung sowie freiwillig eingegangener, gegenseitiger Ausbeutung, versuche ich in den folgenden Zeilen darzulegen.

Liebesbeziehungen sind, genauso wie alle anderen (freundschaftlichen) Beziehungen die wir untereinander pflegen, weder etwas statisches noch etwas gleichförmiges. Die Beziehungen, die wir untereinander haben sind ebenso unterschiedlich wie wir selbst. Wenn wir mit freiem Geist und offenen Augen durch das Leben gehen und den Entwicklungen unserer Verbindungen untereinander freien Lauf lassen, werden wir feststellen, dass sich viele, sich in ihrer Form unterscheidende Verhältnisse daraus hervortun werden. Dass heißt, dass es durchaus möglich ist, zeitgleich ganz unterschiedliche Liebesbeziehungen zu haben, ebenso wie wir sich in ihrem Wesen unterscheidende Freundschaften zueinander haben. In diesen Beziehungen sollte das Monopolrecht auf seinen Gegenüber, so wie es sich in einer von gesellschaftlichen Konventionen und kirchlich geprägten Moralvorstellungen belasteten Zweier-Beziehung äußert, keine Rolle mehr spielen. Gleichzeitig stehen wir einem erfüllenderen und vielseitigerem Leben gegenüber. Allein die Intensität unserer Gefühle zueinander sollte bestimmen, ob sich das Verhältnis auf einer Basis von gegenseitiger Wertschätzung bewegt oder ob es ihren Gipfel in sexueller Einheit und Hingabe findet. Alles Andere, was uns dabei blockiert, unseren positiven Gefühlen zueinander freien Lauf zu lassen sind Vorstellungen, die sich an gesellschaftlichen Normen orientieren und ansozialisierte Verhaltensweisen, jedoch keineswegs natürliche.

Inform von Misstrauen, Missgunst, verletzter Eitelkeit und manchmal sogar Hass wird das Alleinanspruchsrecht auf den*die Partner*in unter dem Deckmantel der Eifersucht zur Geltung gebracht. Bereits Emma erkannte, dass Eifersucht „die unnatürliche Folge unnatürlicher Ursachen“ sein müsse, nämlich dem Wirken von Staat und Kirche mit der Ehe als heilige Institution, durch die 2 Menschen aneinander gekettet wurden. Ehebruch zog harte Strafen nach sich und so entwickelte sich im Laufe unserer Geschichte ein Gefühl, dass uns vermittelt, wir hätten ein Alleinanspruchsrecht aufeinander. Ebenso ist bei einer großen Zahl heutiger Partnerschaften zu beobachten, dass sich, wenn das beschwingte Gefühl der frischen Liebe erstmal vorüber ist, vermehrt Streits in Beziehungen zu Tage treten. Wenn uns die Monotonie des häufig praktizierten, ständigen monogamen Beisammenseins einholt, unterschiedliche Bedürfnisse aufeinanderprallen und wir feststellen, dass wir in einer Zweier-Beziehung nicht automatisch zu einer homogenen Masse verschmelzen können, da wir bis ins kleinste Detail unterschiedlich sind, wird trotzdem häufig versucht, zwanghaft ins gesellschaftliche Normkonstrukt zu passen. Stück für Stück verlernen wir, unseren eigenen, tiefsten Wünschen und Träumen zu folgen und ergeben uns statt dessen der Tristesse ständig wiederkehrender Streits, ewiger Aussprachen und wahlweise auch mal Paartherapeuten, die ihr Geld damit verdienen, Menschen zu erklären, wie sie in der monogamen Zwangsjacke am Besten zurecht kommen.

Dass Monogamie maßgeblich durch die Kirche geprägt wurde, welche sich das (natürlich von Gott gegebene) Recht herausnahm, die Bindung zwischen Mann und Frau in Form der Ehe zu zementieren und ansonsten Jungfräulichkeit predigte, wird heute gern außen vor gelassen. Als von Männern geschaffene Institution hatten historisch vor allem Frauen, denen nicht mehr als die Rolle einer Geburtsmaschine zur Sicherung der Nachkommenschaft „ihres Herren“, unter den Sanktionen sogenannten Ehebruchs, also eigentlich völlig natürlichen Verhaltens, zu leiden. Auch heute noch ist psychische Folter in Form von Mobbing gegenüber vor allem weiblich definierten Wesen, welche zu mehreren Menschen geschlechtliche Beziehungen führen, trauriger Alltag als Ausdrucksform des Patriarchats. Aber nicht nur die Kirche, auch der später entstandene Staat konnte die Institution Ehe und die Weiterführung kirchlicher Traditionen einwandfrei für seine Zwecke nutzen. Einerseits, um die Nachkommenschaft für die kapitalistische Staatsmaschine zu sichern und andererseits, um Kontrolle über das Privatleben seines Volkes auszuüben. Monogamie ist das Gefängnis, um dass die Ehe ihre Mauern baut und damit sämtliche Regungen verkümmern lässt. Als Finanzier für die Kirche und Sicherheit für den Staat trifft die Ehe sämtliche Vorkehrungen, die das kapitalistische Patriarchat aufrecht erhalten wird. Das heißt natürlich nicht, dass wir in polygamen Beziehungen zueinander keine Nachkommenschaft haben werden. Jedoch wird diese Nachkommenschaft in viel größerer Diversität aufwachsen, denn mit der monogamen Norm würde die patriarchale Kleinfamilie gleich mit zerstört werden. Kurz: (Wirkliche) Polygamie heißt Systemkritik!

Nun mögen manche meinen, Hochzeiten seien doch romantisch und sowas müsse mensch doch mal gemacht haben. Wenn die Romantik in einer Liebesbeziehung erlischt, dann sollte man sich besser die Frage stellen, ob nicht vielleicht auch die Liebe erloschen sei, anstatt auf die zeitlich begrenzte und obendrein stressige Romantik einer von Staat und/oder Kirche abgesegneten Hochzeit zurückzugreifen. Außer des steuerlichen Vorteils wegen fiele mir kein Grund ein, der eine Hochzeit lohnenswert macht. Es sei denn es handelt sich um die Hochzeit der gesamten Menschheit dieses Planeten.

Unter Polygamie verstehe ich nicht das dumpfe Ausleben von Trieben, sondern die höchste Form des aufeinander-einlassens, welche in körperlicher Einheit ihren Höhepunkt findet. Ich betrachte die Überwindung der gängigen Form heutiger „Beziehungsführung“ als einen wesentlichen, jedoch viel zu sehr vernachlässigten Teil sozialer Kämpfe. Der Text stellt keine Verurteilung der Monogamie per se dar. Ich bezichtige damit auch nicht jede Zweier-Beziehung des heimlichen Unglücks. In der Heute jedoch üblichen Form monogamer Beziehungsführung, in der das Nachgehen eigener Interessen nur noch eine untergeordnete Rolle spielt und zwanghafte Kollektivierung und endlose Kompromisse die Basis vermeintlichen Glücks bilden sollen, verdamme ich sie. Mit Monogamie als Normvorstellung wird eine Gesellschaft niemals frei sein.

Eine befreite Gesellschaft und Gewalt oder: Warum Knäste unnötig sind!

Wie oft begegnen Anarchist*innen folgendem Satz „Das klingt ja alles schön und gut, aber wie denkst du, sollte in einer herrschaftsfreien Gesellschaft der Umgang mit Gewaltverbrechern und Straftätern aussehen?“ Darauf werde ich im folgenden Text versuchen, einige Antworten zu finden.

Doch vorher noch ein paar Worte: Der Anarchismus propagiert keine Lösungen zu sämtlichen sozialen Frage- und Problemstellungen, sondern er versucht, verschiedene Lösungsansätze auf dem Weg zu einer herrschaftsfreien Gesellschaft aufzuzeigen. Wie wir zu dieser Gesellschaft gelangen, ist den Akteur*innen, die sich einhergehend mit der Befreiuung ihres eigenen Individuums auf diesen Weg begeben, selbst überlassen. Eine herrschaftsfreie Gesellschaft, die totale Anarchie, stellt ein Ideal dar, welches bereits in seinem Begriff die Existenz von Gewaltverbrechen ausschließt und davon ausgeht, dass sich sämtliche Individuen von ihren Herrscher*innen emanzipiert haben.

Was Anarchist*innen, sofern sie sich als solche verstehen, jedoch einstimmig beantworten können, ist die Frage, ob es irgendeine Legitimation für Knäste gibt: Nein! Weder im herrschenden System und noch weniger in einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Knäste und sonstige Strafanstalten im Heute sowie in der Vergangenheit erfüllten vor allem folgende Zwecke: Den Schutz der bestehenden Ordnung, folglich den Schutz von Staat und Kapital. Die notwendige Legitimation dafür erschleichen sich die Mächtigen aus Wirtschaft und Politik beispielsweise über die polizeiliche oder gerichtliche Durchsetzung des sogenannten Privatrechts, gemeint ist damit das Recht, welches die Beziehungen zwischen Menschen untereinander definiert. Das heißt, der Staat tritt an dieser Stelle als vermeintlicher Konfliktlöser auf. Das führt nicht nur dazu, dass Menschen das Gefühl vermittelt bekommen, in einer Abhängigkeit zum Staat zu stehen, welcher an dieser Stelle die vermeintliche helfende Hand darstellt, sondern es führt auch dazu, dass Menschen schlicht nicht lernen, Konflikte gewaltfrei miteinander zu lösen. Diese staatliche Aufgabe als Vermittlungsinstanz in Streitigkeiten jedoch täuscht nur über den eigentlichen Sinn dieser Institution hinweg: Der Schutz von staatlichem und kapitalistischem Eigentum. Bei fast 60 % aller aufgenommen Straftaten im Jahre 2014 handelte es sich um Vermögens- oder Eigentumsdelikte, ganz zu schweigen von den restlichen 25 % als Straftaten bezeichneter Handlungen, worunter beispielsweise Verstöße gegen das Aufenthalts- und Asylrecht oder Cannabisdelikte fallen, welche aus der Ungerechtigkeit des Systems heraus resultieren. So sieht es der Staat als seine vornehme Aufgabe an, gegen Ladendiebstähle, Schwarzfahren, Ticketfälschung und illegale Downloads als Widerstandsakte gegen eine ungerechte Ökonomie, aber auch gegen das Aufbegehren gegen die herrschende Ordnung mit jeglichen phantasievoll zusammen gesponnen Kriminalisierungen vorzugehen. Knäste dienen dem Staate dazu, seine Schäfchen wieder auf den rechten Weg zu bringen und handzahm zu machen und sie statuieren lediglich Exempel für die Menschen, welche sich vielleicht gerade auf der Schwelle befinden, um gegen den kapitalistischen Normalzustand in Form wirtschaftsschädigender, direkter Aktionen zu rebellieren.

Das Privateigentum und der selbstsüchtige Wettbewerb zwischen den Individuen im Kapitalismus um dessen Vermehrung bis ins Unermessliche macht, wie so viele erst an ihrem Lebensabend feststellen, zwar nicht glücklich, aber es stellt immer noch einen Grundpfeiler im kapitalistischen System dar. Die Zurschaustellung von Reichtum in Form von Unmengen angehäufter materieller Güter spielt heute bis in die untersten Gesellschaftsschichten eine bedeutende Rolle. Wo vor über 100 Jahren noch ein lebendiger Kampf von Arbeiter*innen um den Gemeinbesitz an Produktionsmitteln in vielen Erdenteilen herrschte, herrscht heute in vielen Teilen Ohnmacht und der Blick nach oben bis ans Lebensende vor. Anarchist*innen schließen keinen Frieden mit einem staatlich geschützten Eigentum, welches für den Profit weniger produziert wurde und zur Ausstattung der konkurrierenden Massen im Kampf um Ansehen und materiellen Wohlstand dient. Eine herrschaftsfreie Gesellschaft kann weder im Konkurrenzkampf der Individuen noch in kapitalistischer Ausbeutung bestehen. Sie basiert vielmehr auf einer Verschmelzung der einzelnen Individuen und deren naturgegebenen Fähigkeiten und Interessen mit der Gemeinschaft. Eine herrschaftsfreie Gesellschaft presst uns nicht in Normen, in denen wir ein lebenlang verdammt sind zu existieren, sie schafft keine künstlichen Bedürfnisse in Form ständiger, minimaler Weiterentwicklungen ganz im Sinne der Profitmaximierung. Schlussendlich entfällt in einer herrschaftsfreien Gesellschaft die im Jetzt noch existierende (scheinbare) Notwendigkeit, sich aufgrund materieller Besitztümer profilieren zu müssen. Die Ausbeutung fremder Bedürfnisse mit der Herrschaft über Eigentümer wird somit der Vergangenheit angehören, ebenso vermeintliche Delikte, die mit dem Eigentum in Zusammenhang stehen. Ein Großteil der Gründe, die Knäste im heute scheinbar rechtfertigen, gehören somit ebenfalls der Vergangenheit an.

Es bleiben Gewaltverbrechen über. Das gegenwärtige System stellt ein Gewaltverbrechen an der Menschheit per se dar: an unzähligen ausgebeuteten Kindern, die in maroden Fabriken arbeiten müssen, an den Kindersoldaten, die Gesteinsminen überwachen, aber auch an den Angestellten, die in vollster Erniedrigung um jede Gehaltserhöhung betteln müssen. Nicht zuletzt begeht das System ein Verbrechen an Natur und Umwelt. Es kann also eigentlich nur noch besser werden. Aufrechterhalten wird das System durch überwiegend weiße Männer, wahlweise als Firmenboss, als Politiker im Nadelstreifenanzug oder als Offizier in Uniform. Diese Männer lehren uns das Patriarchat: Mit Dominanz, Durchsetzungsvermögen, Durchhaltekraft und einer gehörigen Portion Abgebrühtheit können wir es schaffen, uns gegen die Schwachen durchzusetzen um unseren eigenen Vorteil daraus zu ziehen. Diese höchst entmenschlichenden Eigenschaften sind nicht in unerheblichem Maße an der Aufrechterhaltung des Kapitalismus beteiligt. Eigenschaften, die historisch gesehen mit Männlichkeit verbunden waren und auch noch heute vorwiegend durch Menschen repräsentiert werden, die sich dem männlichen Geschlecht zuschreiben. Die Reproduktion des Patriarchats beginnt bereits in der bürgerlichen Kleinfamilie: Der Mann als sogenanntes starkes Geschlecht gilt als Beschützer der Familie, von Frau und Kind, und schiebt sich damit automatisch in eine autoritäre, dominierende Position. Frau und Kind werden so von vornherein entmachtet und als vermeintlich schwache Wesen kommt ihnen eine Position zu, die überwiegend wahlweise zu Sexualdelikten an Frauen oder Übergriffen an Kindern infolge von Machtmissbrauch führen kann. In einer Gesellschaft jedoch, in der Kinder als gemäß ihrem Entwicklungsstand eigenständig denkende und sich entfaltende Individuen anerkannt werden, in dem Frauen sich vollständig vom Joch männlicher Herrschaft emanzipiert haben, wäre solche Delikte schlicht nicht denkbar.

Schlussendlich bleibt zu sagen: Wir haben einen Scherbenhaufen vor uns liegen, und diesen gilt es, aufzuräumen. Es gibt keine vernünftigen Ausreden, an den bestehenden Verhältnissen festzuhalten, denn diese richten wesentlich mehr Schaden an als sie irgendwem zu Glück und Zufriedenheit verhelfen. Es ist an uns, die Grundsteine für eine herrschaftsfreie, gewaltlose Gesellschaft zu legen. Und sollten wir diese Gesellschaft noch zu Lebzeiten erreichen und das gewaltfreie Lösen von Konflikten jemandem mal nicht gelingen: Zeitweilige soziale Isolation halte ich für ein wesentlich probateres Mittel, Menschen zum Nachdenken anzuregen, als die Verrohung, die mit einem Aufenthalt in heutigen Gefängnissen einhergeht.